Dienstag, 30. August 2011

e.e. cummings - der himmel

 
der
    himmel 
               war
bon   bon   strah
lend
      essbar
agile 
       pinks scheue
gelbs
grüns   küh   les schok
olade
n.
 
  un        ter,
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                                  letts 
 

J. M. W. Turner - Eine Stadt am Fluß bei Sonnenuntergang
the
      sky
            was
can    dy    lu
minous
          edible
spry
        pinks shy
lemons
greens    coo    l choc
olate
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  un    der,
  a    lo
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Artemisia Gentileschi - Lukretia - Zu rächen dieses treuen Weibes Tod!


Der Sage erzählt, dass im 8. Jahrhundert v.Chr., nach dem Tod des Romulus, unter den römischen Patriziern, Streit über die Herrschaftsnachfolge ausbrach. Und da sie zu keiner Einigung finden konnten, schickten sie nach Außen um Hilfe - die nächsten zwei Jahrhunderte wurde Rom dann von etruskischen Königen regiert.

Zeitsprung in das Jahr 510 v. Chr.:
"Da geschah ein furchtbares Vorzeichen: Eine Schlange, die aus einer Holzsäule hervor glitt, führte zu Panik und Verwirrung im Palast. Der König war weniger erschreckt als voll von dunklen Vorahnungen. ... also entschied er, zu dem weltberühmten Orakel nach Delphi zu senden. Weil er fürchtete, die Antwort des Orakels irgendjemand sonst anzuvertrauen, sandte er zwei seiner Söhne nach Griechenland, durch damals noch unbekannte Länder und über noch unbekanntere Meere. Titus und Arruns brachen auf. Als Reisegefährten hatten sie Lucius Iunius Brutus, den Sohn der Tarquinia, der Schwester des Königs, einen jungen Mann, der ganz anders war als allgemein angenommen. Als er von dem Mord der besten Männer des Staates, darunter sein Bruder, auf Befehl seines Onkels hörte, beschloß er, dass seine Intelligenz dem König keinen Grund zur Beunruhigung geben, noch sein Reichtum seine Gier anstacheln sollten, und da die Gesetze keinen Schutz boten, wollte er Schutz suchen in Verwirrtheit und Vernachlässigung. Dementsprechend benahm er sich wie ein Idiot, gab dem König, was dieser in seiner Umgebung wollte, und protestierte nicht einmal gegen seinen Spitznamen Brutus [Stumpfsinniger]." Titus Livius

Hamlet in Toga, es gibt nichts Neues unter der Sonne.  
Der König, Lucius Tarquinius Superbus, belagerte dann mit seiner Armee die reiche Stadt Ardea und seine Söhne vertrieben sich die Wartezeit während der Belagerung mit Festen und Gelagen - "und bei einem Weinfest, das Sextus Tarquinius gab, und bei dem Lucius Tarquinius Collatinus, der Sohn des Egerius anwesend war, kam die Sprache auf ihre Frauen, und jeder sprach von der seinen in den höchsten Tönen. Als der Disput sich erhitzte, sagte Collatiuns, es gebe keinen Grund zum Streit, es könne in den nächsten Stunden bewiesen werden, wie überlegen seine Lucretia den anderen sei." Titus Livius

Die Namen sind leicht verwirrend, alle heissen irgendwie auch Tarquinius, deshalb zur Vereinfachung:
Lucius Tarquinius Superbus =  wie wir sehen werden, letzter König Roms
Titus und Arruns Tarquinius = Söhne des Königs, reisen zum Orakel
Sextus Tarquinius = der dritte und jüngste Sohn des Königs, Vergewaltiger Lucretias
Lucius Tarquinius Collatinus = Gouverneur von Collatia und Neffe des Königs, Sohn des Egerius, Ehemann der Lucretia
Lucius Iunius Brutus = auch ein Neffe, Sohn der Tarquinia
Es sind also alles Etrusker, nur Lucretia nicht, sie ist Römerin.

Also reiten alle jüngeren Männer gen Collatia zum Frauentest, finden Lucretia beim tugendhaften Spinnen vor, und Sextus Tarquinius, einer der Prinzen, "entflammt von der Schönheit und der beispielhaften Reinheit der Lucretia, plante sie mit Gewalt zu entehren".


Einige Tage später reitet Sextus Tarquinius nochmals nach Collatia und wird gastfreundlich aufgenommen, obwohl der Hausherr abwesend ist. In der Nacht schleicht er sich in Lucretias Zimmer: "Still, Lucretia! Ich bin Sextus Tarquinius, und ich habe ein Schwert in der Hand. Wenn Du nur ein Wort sprichst, wirst Du sterben!" Sie wehrt sich tapfer. Er  droht, werde den Leichnam ihres Sklaven neben sie legen, so dass man glauben würde, sie sei beim Ehebruch überrascht worden. Sie gibt auf. Er vergewaltigt sie und haut ab. Lucretia sendet Boten an Vater und Ehemann, die sofort kommen und auch, welch ein Zufall, Lucius Iunius Brutus mitbringen. Sie berichtet, fordert Rache und, und hier hier wird es grauenhaft, ersticht sich, damit sich keine andere geschändete Frau auf ihr Schicksal berufen könne. Wie schrecklich traurig, sich selbst und dem eigenen Geschlecht im Tod noch Feind, oder?

Die Vergeltung soll vollzogen werden und Brutus wird zum Anführer der Rächer. Mit Hilfe der Leiche der Lucretia wird der Volkszorn angestachelt. Und, obwohl Sextus irgendwann dann auch noch, fast nebenbei, getötet wird, geht es jetzt um viel mehr. Der König selbst wird tyrannischer Herrschaft angeklagt, eine Volksarmee gebildet, Rom übernommen und schließlich der König verbannt. Dann werden zwei Konsuln in den Volks- und Heeresversammlung gewählt, sie hießen Lucius Iunius Brutus und Lucius Tarquinius Collatinus. Rom ist nun Republik, für die Patrizier zumindest. 

Nur kurze Zeit später muss Collatinus zurücktreten, da er durch seinen Familiennamen Tarquinius, zu eng mit der verhassten ehemaligen Königsfamilie verbunden ist. Iunius Brutus, gehört zwar zur gleichen Sippe, aber er hat "Glück", sein Name ist Iunius, er darf Konsul bleiben.

O was“, so fällt sie in die Schwüre ein,

„Was wäscht mich von erzwungnen Flecken rein?
Von welcher Art ist mein Verbrechen! Hat
Verein des Schrecklichsten es nicht erzwungen?
Kann je mein reiner Sinn die schmutz’ge That

Verzeih’n, die Ehre heben, die gesunken?

Bleibt meinem Missgeschick ein Hoffnungsfunken? –
Befreit doch selbst vom Schmutze sich der Bach,
Warum nicht ich von aufgedrungner Schmach?“
Einstimmig hier aus Aller Munde bricht:

„Des Leibes Flecken rein’ge ihr Gemüth“;

Doch freudlos lächelnd dreht sie das Gesicht,
Darin man tief von Thränen eingeglüht,
Des harten Missgeschickes Spuren sieht.
„Nein“, ruft sie, „nicht soll Frau’n, die nach mir leben,

Was mich entschuldigt, Recht auf Nachsicht geben!
“Und seufzend jetzt, als wollt’ das Herz ihr brechen,
Stößt sie Tarquinens Namen aus; er, er,
Und nichts als er kann ihre Zunge sprechen;
Bis sie nach langem Müh’n, aufathmend schwer,

In unklar krankem Ton, zuletzt nichts mehr,

Als dies noch spricht: „Er ist’s, ihr Edlen, er,
Der diese Hand zum Stoße führt – hieher.“
Und so durchbohrt sie mit der scharfen Schneide
Die treue Brust, empor die Seele fährt;

Geheilt hat sie der Stoß von tiefem Leide,

Das im entehrten Kerker sich genährt.
Der Geist, befreit von müden Seufzern, kehrt
Zum Himmel heim, und durch die Wund’ entschwebt
Dem Erdenschicksal das, was ewig lebt.
 

William Shakespeare "Die geschändete Lukretia"


„Nein“, ruft sie, „nicht soll Frau’n, die nach mir leben, / Was mich entschuldigt, Recht auf Nachsicht geben!


Montag, 29. August 2011

50.000 Leser bisher - oder zumindestens 50.000 Klicks



Ein Blog oder auch Web-Log, Wortkreuzung aus  World Wide Web und Logbuch, ist ein auf einer Website geführtes und damit – meist öffentlich – einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Web-Logger, kurz Blogger, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert oder Gedanken niederschreibt. (Wiki)

Dies sei ein Lobgesang auf die belebende Wirkung des Bloggens.
Nein, die phantasierte Geschichte und das erhoffte Stück sind noch nicht geschrieben, NOCH nicht. Aber ich schreibe. Täglich, nur so und so und so und für den Blog. Und ich lese wieder, wie in Zeiten, als jede "ergatterte" Kostbarkeit, die unter und dann über den Ladentisch meine Hände erreichte, gierig, wenn möglich in einer Nacht verschlungen wurde und lese absichtsfrei, ziellos, nur um des Vergnügens willen, bin ganz verliebt in Wörter und Worte. In der Schule mussten wir nach den Grossen Ferien eine Liste unserer sommerlichen Lektüre beim Deutschlehrer abgeben. Der war leider ein Idiot, aber trotzdem, die Liste wäre lang. Erstaunlich, ich hatte gar nicht bemerkt, dass mir die Leselust beinahe verlustig gegangen ist, ich hatte ja immer noch gelesen, aber halt nur "dienstlich", ernsthaft, verpflichtet, wäre beinahe ein bildungsbürgerlicher ohne-Lustleser geworden.Glück gehabt, die Kurve gekriegt!


Und Ich gehe, auch ohne zu verreisen, in Museen, in meiner eigenen Stadt und öfter sogar. Ich höre mir bisher unbekannte Musik an, gehe sogar wieder gern ins Theater (manchmal), bin wach und  amüsiere mich wie Bolle.
Und dann Berlin! Das auch mit B beginnt wie Blog. Seit fast 15 Jahren war ich nie mehr als sechs Wochen hintereinander in dieser Stadt, die ich genauso verbissen hassliebe, wie fast jeder ihrer Eingeborenen, und die trotz des ob seiner Idiotie  preiswürdigen "be berlin" Slogans, eine tolle Stadt ist. Diesmal war Zeit zum rumlaufen, erinnern, neu entdecken, ausprobieren, riechen, ja viel riechen und schmecken. Zeit, Leute zu treffen, zu sehen, zu sprechen. Das war das Beste, endlich wieder entdigitalisierte Kontakte! Die vier Monate haben sich gelohnt, mein Kopf ist herrlich enttheatert und jetzt geht's wieder ins Theater!




Sonntag, 28. August 2011

Rupert Brooke - Die Vision der Erzengel


  Die Vision der Erzengel
  Langsam auf stille Gipfel, die weisse Grenze der Welt,

  Traten vier Erzengel, klar gegen den unbekümmerten Himmel,

  Tragend, mit ruhigen gleichmäßigen Schritten, die riesigen Flügel eingerollt,

  Einen kleinen schäbigen Sarg, in dem muss ein Kind liegen,

  Es war so winzig. (Doch, Du hattest Dir eingebildet, Gott könnte niemals

  Einem Kind gebieten, sich vom Frühling und vom Sonnenlicht abzuwenden,

  Und es in dieses einsame Gehäuse einschliessen, für immer fallen lassen
  In die Leere und Stille, in die Nacht…)

  Sie werfen dann vom durchsichtigen Gipfel, und sahen ihn fallen,

  Durch unbekannte Düsternis, diesen zerbrechlichen schwarzen Sarg – und darin

  Gottes kleine elende Leiche, abgetragen und dünn,

  Und zusammengerollt wie irgendein zerknittertes, einsames Blütenblatt---
  Bis er nicht mehr sichtbar war, dann kehrten sie wieder um

  Mit betrübten stillen Gesichtern in die Ebene hinunter.
 


  The Vision Of The Arcangels

  Slowly up silent peaks, the white edge of the world,
  Trod four archangels, clear against the unheeding sky,
  Bearing, with quiet even steps, and great wings furled,
  A little dingy coffin; where a child must lie,
  It was so tiny. (Yet, you had fancied, God could never
  Have bidden a child turn from the spring and the sunlight,
  And shut him in that lonely shell, to drop for ever
  Into the emptiness and silence, into the night... )

  They then from the sheer summit cast, and watched it fall,
  Through unknown glooms, that frail black coffin---and therein
  God's little pitiful Body lying, worn and thin,
  And curled up like some crumpled, lonely flower-petal---
  Till it was no more visible; then turned again
  With sorrowful quiet faces downward to the plain. 

  Bild: Die drei Erzengel und Tobias von Francesco Botticini ca. 1470

  Rupert Brooke 1887 - 1915, starb im Ersten Weltkrieg als Soldat in der britischen Armee
  an Sepsis infolge eines Mückenstiches.


Dido und Aeneas in Der Waldbühne

Schon wieder Kunstbesuch an deutscher historischer Stätte. Der Architekt Werner March leitete den Bau der Dietrich-Eckart-Freilichtbühne für die Olympiade 1936 in Berlin. Doch wer war Dietrich Eckart?
Dietrich Eckart, Morphinist, Literatur- und Theaterkritiker, erfolgloser Dramatiker und Werbetexter, prägte 1919 als Mitbegründer der NSDAP den Begriff „Drittes Reich“, womit eine Verbindung von chileatischer Esoterik und politischer Absicht gemeint war. Schönes Reimzitat: „Im deutschen Wesen ist Christ zu Gast – drum ist es dem Antichristen verhaßt." Er hat wohl auch 1921 das erstemal A.H. als "Führer" bezeichnet. A.H. widmete dem 1923 Verstorbenen dann sein Buch "Mein Kampf".
Seit Kriegsende heißt das als Thingbühne nach dem Vorbild von Ephesus gebaute Amphitheater und ursprünglich für 100 000, in der Realität für 22 000 Zuschauer gedachte Amphitheater "Waldbühne"

27. August Berlin - abends, starker Regen. Wir und tausende Andere entströmen der S-Bahn an der Station Pichelsberg, waten durch einigen Schlamm und wollen getanzte Oper sehen. Ist das nicht schön und erstaunlich, dass so viele Menschen, die Zuschauerränge waren nahezu voll, und bei solchem Wetter, Barockoper und modernen Tanz sehen wollen?
Der Regen legt sich, es ist kalt, und, was mich nicht so gestört hat, aber doch zu mittleren Pfeifkonzerten führte, die Oper beginnt erst um 21.30 Uhr, die ersten anderthalb Stunden sind eine Geburtstagsfeier für das "Radialsystem".  Egal, Brezel gekauft, mit den Sitznachbarn geschwatzt, es bleibt vergnüglich.
"Dido und Aeneas" von Henry Purcell war eine meiner ersten Schallplatten. Ich habe keine Ahnung wieso, da ich ansonsten nahezu keine klassische Musik gehört habe, aber dass ich Barockmusik liebe, wurzelt sicher in dieser unter nicht mehr erinnerten Umständen in meinen jugendlichen Besitz gekommenen Vinylscheibe.
Kurz die Geschichte: Aeneas aus dem zerstörten Karthago entflohen, erreicht nach Irrfahrten Karthago, trifft dessen Gründerin Dido, die beiden verlieben sich, Intrige folgt, Dido fühlt sich von Aeneas verraten, Dido begeht Selbstmord. Aeneas reist ab.
Dido, Aeneas, Ascanius, Anna, Römisches Mosaik 4.Jht in Britannien
Man sitzt an diesem Abend in der Waldbühne weit weg vom Geschehen, verpasst sicher eine Menge Details und die Wechselkonzentration auf Bühne und Videoleinwände ist auch anstrengend - ABER ich hatte einen wunderbaren Abend.
Einerseits hatte ich Draufsicht, was ungewöhnlich, aber in diesem Fall manchmal auch berauschend schön war. Andererseits, wie Frau Waltz Chor, Tänzer und Sänger verschmilzt, sie endlich einmal nicht "spartengerecht" agieren läßt, sondern aus ihnen ein Ensemble schafft, ist phänomenal! Und die Musik ist lieblich. Manchmal fast Barock-Pop, manchmal tief berührend. Dafür hat sich das Frieren gelohnt. Und Humor hat die Inszenierung auch und auch Ruhe, sehr schön. Gucke ich mir nochmal, für die Details, auf DVD an.


Guido Reni 1630 Abschied von Aeneas

Für Opern-Interessierte:
Anatomie eines Selbstmords; Henry Purcells „Dido and Aeneas“

Samstag, 27. August 2011

Die letzte Rose des Sommers - In Erschütterung über den Sommer in Berlin



Des Sommers letzte Rose

Des Sommers letzte Rose
Blüht hier noch, einsam, rot.
All ihre schönen Schwestern
Sind schon verwelkt und tot!
Nicht Freunde stehen bei ihr,
Kein junger Rosenstrauch,
Zu frohem Widerglühen,
Zu tauschen Hauch um Hauch.

Will dich nicht welken lassen,
Dich, die ich einsam fand;
O sei zu deinen Schwestern
In ewigen Schlaf gesandt!
Ich streue deine Blätter
So gerne auf die Gruft,
Wo deine Lieben welkend
Nun liegen ohne Duft!

Kein Übersetzer zu finden, als Volkslied angegeben.


'Tis the last rose of summer

'Tis the last rose of summer

Left blooming alone;
All her lovely companions
Are faded and gone;
No flower of her kindred,
No rosebud is nigh,
To reflect back her blushes,
To give sigh for sigh.


I'll not leave thee, thou lone one!
To pine on the stem;
Since the lovely are sleeping,
Go, sleep thou with them.
Thus kindly I scatter,
Thy leaves o'er the bed,
Where thy mates of the garden
Lie scentless and dead.


So soon may I follow,
When friendships decay,
From Love's shining circle
The gems drop away.
When true hearts lie withered
And fond ones are flown,
Oh! who would inhabit,
This bleak world alone?

Thomas Moore (1779-1852), ca. 1805


...
Kein Schwärmer ist es, der die Flöte liebt
Und auf ihr nur "des Sommers letzte Rose",
Kein Tanzgenie, das ewig Stunden giebt,
Auch kein klavierverrückter Virtuose:
Ein armer Schuster nur, der nächtens flickt,
Wenn längst aufs Dach herab die Sterne scheinen,
Indess sein Weib daneben sitzt und strickt
Und seine Kinderchen vor Hunger weinen!



Arno Holz aus „Meine Nachbarschaft“
   

Shelley Stracey
Die Letzte Rose Des Sommers


Letzte Rose, wie magst du
so einsam hier blühn?
Deine freundlichen Schwestern
sind längst, schon längst dahin
Keine Blüte haucht Balsam
mit labendem, labendem Duft
keine Blätter mehr flattern
in stürmischer Luft.


Warum blühst du so traurig
im Garten allein?
Sollst im Tod mit den Schwestern
mit den Schwestern vereinigt sein
Drum pflück ich, o Rose
vom Stamme, vom Stamme dich ab
Sollst ruhen mir am Herzen
und mit mir, ja mit mir im Grab.

Friedrich Wilhelm Riese 1847
aus der Oper "Martha" von Flotow

 



Die letzte der Rosen

Die letzte der Rosen steht blühend allein;
All ihre Gefährten, sie schliefen schon ein.
Nicht Blume noch Knospe, ihr freundlich verwandt,
hat Seufzer noch Blicke zurück ihr gesandt.
Ich will dich nicht lassen verwelken am Strauch
Weil alle schon schlafen, geh, schlafe du auch.
Doch sanft streu ich nieder die Blätter so rot
Wo ruhen deine Lieben, gefühllos und tot.
So schnell möchte ich folgen, wenn Freundschaft verblüht,
Im Lichtkranz der Liebe der Schimmer verglüht.
Wenn die Zeit die treuen Herzen der Freunde zerschellt,
wer möchte dann weilen allein in der Welt?


Anonyme Übersetzung (vor 1852) aus dem Schreibbuch von Samuel Diehl, Pennsylvania.

Es gibt eine feine Fassung der Vertonung gesungen von Nina Simone, leider nicht auf youtube.


Hier Deanna Durbin:

http://www.youtube.com/watch?v=4FyzxhLWUxY


Und von Roisin O'Reilly

http://www.youtube.com/watch?v=bT1tSo-pOe0


Sommerbild


Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
  Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
  „So weit im Leben, ist zu nah am Tod!“

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
  Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
  Bewegte, sie empfand es und verging.             


Friedrich Hebbel 1848

Der Bunker - Berlin - Eine Galerie


War heute 15.30 bis 17.00 Uhr in der Boros Galerie im Bunker Reinhardtstrasse. Man muss sich vorher anmelden und wird dann, leicht eilig aber kompetent, durch das Gebäude geführt.


http://www.sammlung-boros.de/index.php?id=2810&L=0






Der Bunker: ich bin in den 60ern Reinhardtstrasse / Friedrichstrasse aufgewachsen, wie die meisten Ost-Berliner Kinder viel draußen, viel unterwegs, ein unserer Spielplätze direkt vor dem Deutschen Theater, daneben, riesig, dunkel, schwer – der Bunker. Wir waren nie drin, er war immer verriegelt und verrammelt, aber eben auch immer da. Nach der Wende war ich dann drin, zu irgendeinem theatralischen Event, aber ich habe mich nie wirklich für ihn interessiert, er war einfach nur da.

1941 entworfen, wurde er, wahrscheinlich unter Missbrauch unzähliger Kriegsgefangener, in kürzester Zeit, als „Reichsbahnbunker Friedrichstraße“ schon 1942 fertiggestellt. Der Architekt, Karl Bonatz, von seinem Chef Albert Speer liebevoll „Oberbunkerrat“ genannt, entwarf den Bunker, im Rahmen des „Führer-Sofortprogrammes“ für die Schaffung ziviler Luftschutzanlagen, mit Rustika Eingängen und Risaliten als „römische Wehrburg“ verkleidet, in Vorbedacht auf seine künftige Position in der architektonischen Gestaltung, der dann nicht mehr Berlin, sondern Germania, heißenden Hauptstadt des großdeutschen Reiches. Bonatz hat auch ein Obdachlosenasyl in Neu-Kölln in der Teupitzer Strasse gestaltet.

„Als extrem massive Stahlbetonkonstruktion wurde der Berliner Luftschutzbunker 1942 für die Reichsbahn errichtet, er sollte Passagieren und Reisenden vom nahegelegenen Bahnhof Friedrichstraße Schutz bieten.“

Und natürlich auch den Besuchern des Deutschen Theaters!

„Das heute denkmalgeschützte Gebäude ... war rein funktional strukturiert und verfügte über ca. 3.000 Sitzplätze auf fünf Etagen. Die innere Struktur ist achsensymmetrisch aufgebaut und von 1,80 m dicken Außenwänden und einer 3,00 m starken Stahlbetondecke umhüllt. ... Auf jeder der vier Seiten befinden sich zwei Zugänge, die wiederum mit dazugehörenden, ineinander geschachtelten vier Doppeltreppenanlagen ausgestattet wurden. Sie gewährleisteten die Erschließung des Bunkers für eine große Anzahl von Menschen in kürzester Zeit." (Baunetz Wissen Beton)
Diese Treppen sehen fabelhaft aus, ein Escherelement inmitten der massiven brutalen Ästhetik des Baus. "Eine doppelläufige Wendeltreppe ist eine zweiarmige Wendeltreppe, bei der die Antritte und Austritte der Treppenarme um 180° versetzt liegen. Die Treppenläufe sind teilweise übereinander angeordnet." (Wiki) Ursprünglich soll das Konzept von da Vinci entwickelt worden sein. Im Schloß Chambord in Frankreich gibt es ein Doppelwendeltreppe, die u.a. dafür sorgen sollte, dass der König seinen Subjekten nicht auf der Treppe begegnen musste.
Da Vinci zugeordnete Zeichnung

"Beim Bau des Hochbunkers wurde so genannter „Blauer Beton“ verwendet. Dieser spezielle Beton war zur damaligen Zeit einer der widerstandsfähigsten Baustoffe und erst nach etwa 30 Jahren voll ausgehärtet.“
(Baunetz Wissen Beton)

Dass bedeutete für die Architekten des Berliner Büros Realarchitektur, die 2003 damit begannen, den Bunker für die Familie Boros und ihre Kunstsammlung, umzubauen, dass der nunmehr völlig erhärtete Beton mit Diamantsägen ausgeschnitten werden musste. 1500 Tonnen Beton wurden dann vor Ort zerkleinert und wegtransportiert, damit die nur 1,80m hohen Räume erhöht und erweitert werden konnten. Nach 4 Jahren Bauzeit wurde die Gallerie eröffnet. 

Ein beunruhigender und beeindruckender Ort. Nach Kriegsende wurde der Bunker erst als Gefängnis von der Roten Armee benutzt, dann als Südfrüchtelager für den Obst-und Gemüsehandel der DDR (Und stand leer, wenn nicht Weihnachten war?), dann nach der Wende kamen die Raver und auch ein Sex-Club zog in die Räume, schön dunkel war es ja. Und Restzeichen einiger dieser Verwendungen wurden erhalten, außen Einschußlöcher, im Inneren Schriftzüge und Ventilationsanlagen aus der Nazizeit, Neonfarbkleckse, die der Orientierung während Stromsperren dienten und immer wieder Graffitireste der Partyära. Einige der Kunstwerke sind speziell für die Räume entwickelt worden und einige Räume wurden um Kunstwerke konstruiert. Die sichtbare Sammlung (Nächstes Jahr werden neue Exponate ausgestellt.) schien mir eine eklektische Mischung von Innovation und Dekor. Monika Sosnowska, Katja Strunz, Santiago Serra arbeiten mit dunklen Metall-und Holzteilen, die ihre jeweiligen Räume versperren, ankanten oder aufreissen. Das ist toll, weil man als Besucher sowieso in dem schweren Gemäuer angespannt ist und diese Objekte einen dann plötzlich, indem um eine Ecke biegt, anzugreifen scheinen. Oder eine eine grosse Kirchenglocke, die an der Decke von Magnetfeldern zum Schwingen gezwungen wird, nur fehlt ihr der Klöppel. Tonlos brüllend. Olafur Eliasson hatte letztes Jahr eine Grosse Ausstellung im Gropius Bau und er hat mich auch hier wieder sehr beeindruckt. Dazwischen einige Banalitäten und Disco-Art. Eigenartige Mischung.
 


Stencil an der Aussenseite des Bunkers

Interview mit Christian Boros:

http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/christian-boros-ein-gewinner-der-krise-1.116564

Donnerstag, 25. August 2011

Was man so alles überlebt

Eine Frau wurde in Berlin zusammengeschlagen. Sie hat keine Erinnerung an den Überfall. Sie ist Journalistin und berichtet darüber.

http://www.zeit.de/2010/49/Ueberfall-Gewalt-Jugendkriminalitaet


Was man so alles überlebt

Ich frage mich oft,
und ich geh mir dabei selbst auf die Nerven,
denn es ist eine Frage in mehreren Strophen:
warum werfen uns seelische Katastrophen
nicht um?
Gewiss, sie tun es schon,
aber sozusagen auf Raten.
Wenn wir zum Beispiel bei einem Unfall
gründlich unter die Räder geraten,
ist das eine einmalige Sache.
Und der Tod
kommt
prompt.

Wenn uns hingegen,
na, sagen wir es blumig, das so genannte Rad des Lebens
zermalmt - ist da wohl das richtige Wort,
dann geschieht das keineswegs sofort.
Das Unglück läppert sich
mit oder ohne Schuld.
Die Katastrophe spricht mit zynischem Gähnen:
Geduld, Geduld,
du wirst dich schon an mich gewöhnen.
Wenn das, was wir Liebe zu nennen gewohnt sind, stirbt,
geschieht das auch nicht an einem Tag.
Sondern nur so schrittweise,
Tag um Tag vielleicht ein tausendstel Millimeter -
sonst gäb´s chronische Epidemien von gebrochenen Herzen.
So aber verschmerzen wir´s fast.
Und später
lächeln wir fast unter Trümmern und Scherben
über so manches vernarbte Ade.
Denn der Tod tut nicht weh.
Nur das Sterben.
 
Mascha Kaleko
aus „In meinen Träumen läutet es Sturm“


Das Einhorn


Hiob 39 9-12
Meinst du das Einhorn werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippe? Kannst du ihm dein Seil anknüpfen, die Furchen zu machen, daß es hinter dir brache in Tälern? Magst du dich auf das Tier verlassen, daß es so stark ist, und wirst es dir lassen arbeiten? Magst du ihm trauen, daß es deinen Samen dir wiederbringe und in deine Scheune sammle?

Das Einhorn in Gefangenschaft *

IV
O dieses ist das Tier, das es nicht gibt.
Sie wußtens nicht und habens jeden Falls
- sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
bis in des stillen Blickes Licht - geliebt.

Zwar war es nicht. Doch weil sie's liebten, ward

ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum

zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,

nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
Und die gab solche Stärke an das Tier,

daß es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.

Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei -
und war im Silber-Spiegel und in ihr.


Rainer Maria Rilke Sonette an Orpheus

* 1495–1505 Niederlande Wandteppich

Raffael ca. 1505-06 Porträt einer jungen Frau mit dem Einhorn
Das Einhorn, ein fabelhaftes Thier, das einem Pferde gleichen, auf der Stirn aber ein langes, gerades Horn von der feinsten Elfenbeinsubstanz tragen soll, überaus rasch, gewandt und wild; es soll in Africa und Asien existirt haben, jeden Menschen tödten, dem es begegnet, nur vor einer reinen Jungfrau sich beugen, von ihr sich wie ein zahmes Hausthier lenken lassen. Zähne des Narvals wurden sonst häufig für Hörner dieses Thieres ausgegeben, beinahe mit Gold aufgewogen, indem man glaubte, ein Becher, daraus gedreht, sei das sicherste Mittel gegen Vergiftung, weil hineingebrachte Gifte schäumen und aufbrausen sollten. Neuerdings wird von Einigen wieder die Möglichkeit der Existenz des E.s behauptet.
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 181.

Einhorn, 1970 Tate Gallery, London, (c) Rebecca Horn
Wikipedia: Angeblich können die Tränen des Einhorns Versteinerungen lösen. Es soll Tote zurück ins Leben holen können, und wer das Blut eines Einhorns trinkt, wird angeblich unsterblich, führt aber von diesem Punkt an ein unglückliches und verfluchtes Leben. In einigen Erzählungen heißt es auch, dass ein Einhorn ein karges und/oder verwüstetes Land wieder zum Blühen bringt, sobald es dessen Grenzen überschreitet.

Mosaik ca. 1213 Basilika S. Giovanni Evangelista, Ravenna
Das Einhorn, des -es, plur. die -hörner, von dem Zahlworte ein. 1. Ein Thier, welches nur ein einziges Horn hat. Ein vierfüßiges Thier, welches nur ein einziges langes spitziges Horn vor der Stirn haben soll, und von welchem die ältern und neuern Schriftsteller allerley Erdichtungen erzählet haben. Gemeiniglich gibt man ihm die Gestalt eines Pferdes; wenigstens wird es in den Wappen noch auf diese Art abgebildet.
Der einhurn in megede schose
Git dur kuische sinen lib,
Dem wild ich mich wol genose, u.s.f.
Burkart von Hohenfels.
...Da sich dieses Thier, welches die Alten unter dem Nahmen des Einhornes unter so mancherley und oft figürlichen Gestalten beschrieben haben, in den neuern Zeiten nirgends finden wollen, so haben einige eine Art wilder Judianischer Waldesel, andere eine Art großer zweyhörniger Arabischer Ziegen, und noch andere das Rhinoceros oder Nasehorn für das Einhorn der heil. Schrift gehalten. Wenigstens ist das Nasehorn von ältern Schriftstellern mehrmahls mit dem Nahmen eines Einhornes beleget worden. In den Moseeischen Glossen wird Einhurn ausdrücklich durch Rhinoceros erkläret. Dalechamp zählet in seinen Anmerkungen über den Plinius sieben Arten vierfüßiger Einhörner, an welchen aber Kenner des Thierreiches noch manches auszusetzen haben. 2) Der Narwall, eine Art großer Fische in den nordischen Gewässern, der einen langen hervor ragenden gewundenen Zahn an der linken Seite des obern Kinnlade hat, Monodon. L. wird von einigen gleichfalls Einhorn oder Einhornfisch genannt. Er ist 16 bis 22 Fuß, sein Zahn oder Horn aber 9 bis 10 Fuß lang, und läuft vorn spitzig zu. 2. Das Horn dieses Thieres, besonders des Fisches, dessen Zahn von Unwissenden unter den Alten und Neuern für das Horn eines vierfüßigen Thieres gehalten worden, und die meisten Fabeln von dem Einhorne veranlasset hat. Wenigstens sind die meisten so genannten Einhörner, die man in der Erde gefunden hat, nichts als die jetzt gedachten Zähne des Narwalls. 3. Figürlich, eine Art langer Kanonen von kleinem Caliber, welche sehr weit tragen, und von einem Russischen Officier, Nahmens Schuwalow, erfunden worden, und daher auch Schuwalowsche Einhörner heißen.Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1709-1710. 

Das Einhorn

Das Einhorn lebt von Ort zu Ort
nur noch als Wirtshaus fort.

Man geht hinein zur Abendstund
und sitzt den Stammtisch rund.

Wer weiß! Nach Jahr und Tag sind wir
auch ganz wie dieses Tier

Hotels nur noch, darin man speist -
(so völlig wurden wir zu Geist).

Im "Goldnen menschen" sitzt man dann
Und sagt sein Solo an ...

Christian Morgenstern
Albertus Magnus De animalibus Holzschnitt 1545.