Mittwoch, 7. Dezember 2011

Das Weihnachtsessen oder wie ich an einem Tag im Jahr zum erzkonservativen Traditionalisten werde.



Heiligabend, 17.00 Uhr ist Bescherung. Als mein Vater noch lebte, haben wir uns kurz davor immer noch lauthals gestritten, ob wir erst Bibel lesen oder erst Geschenke bekommen werden. Der Streit fand seit meinem dritten Lebensjahr jährlich am 24.12. um 16.45 Uhr statt und wurde, natürlich, jedes Jahr von mir, später meiner Schwester und mir, gewonnen. Aber er mußte geführt werden. Ich würde auch dieses Jahr gern wieder streiten.
Also zuerst die Bescherung, mit übrigens der immer gleichen musikalischen Untermalung aus Heintje, Ella Fitzgerald, Elvis und anderen, unter einem Weihnachtsbaum, dessen sehr bunte, wild zusammengewürfelte Dekoration das Grün fast vollständig verdeckt, dann Lesezeit, weil mein Vater meinte, wir sollten als jüdische Heiden zumindest wissen, warum wir uns an diesem Tag versammeln. Recht hat er.

Erst die Prophezeiungen:
Matthäus 1.22-23/22 Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllt würde, was der HERR durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: "Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen", das ist verdolmetscht: Gott mit uns. 
Matthäus 2:6  "Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein HERR sei." und
Jesaja 7.14/15 "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel. Butter und Honig wird er essen, wann er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen."

Und dann die Weihnachtsgeschichte selbst.

Achtung! Ich habe meinem Kind in Vorbereitung auf Heiligabend, die Weihnachtsgeschichte mit eigenen Worten erzählt und in belehrender Begeisterung gleich noch den "Rest" bis Ostern mit drangehängt, mit dem Ergebnis, dass ich einer schluchzenden Siebenjährigen beinahe das ganze Fest verdorben habe, Denunziation, Auspeitschung und Kreuzigung eignen sich wohl nicht zum Erwecken von Vorfreude auf Kerzenschein und Glockenklang.

 Hieronymus Bosch  Die Hochzeit von Kana

Später, als ich manchmal das Vorlesen übernahm, habe ich die Text-Auswahl, je nach pubertärer Laune oder  innerfamiliärem Auseinandersetzungsstand, willkürlich verändert. 

Zum Beispiel als aufmunternden Beitrag zum Fest: Prediger: "Die Worte Kohelets, Sohn Davids, König in Jerusalem (Nichtigkeit der Nichtigkeiten) Nichtig und flüchtig, sprach Kohelet, (Nichtigkeit der Nichtigkeiten) nichtig und flüchtig, das alles ist nichtig.Welchen Gewinn hat der Mensch von aller seiner Mühe, mit dem er sich abmüht unter der Sonne? Eine Generation geht und eine Generation kommt und die Erde bleibt stehen in Ewigkeit. Und die Sonne geht auf und die Sonne geht unter und zu ihrem Ort strebt sie, wo sie wieder aufgeht. Und er geht nach Süden und er dreht sich nach Norden und er dreht, er dreht, er geht, der Wind und weil er sich dreht, kehrt der Wind zurück. Alle Flüsse gehen in das Meer und das Meer wird nicht voll. An den Ort, an den die Flüsse gehen, dorthin kehren sie wieder, um zu gehen. Alle Wörter mühen sich ab. Nichts kann der Mensch sagen. Nicht satt wird ein Augezu sehen und nicht voll ein Ohr vom Hören. Das, was war, es ist das, was sein wird. Und das, was getan wurde, ist das, was getan wird. Und es gibt nichts völlig Neues unter der Sonne. Gibt es ein Ding, von dem einer spricht: "Siehe, das ist neu"? Es war längst in den Zeiten, die vor uns waren. Es ist kein Andenken an die Früheren und an die Folgenden, die sein werden, kein Andenken gibt es für sie bei denen, die die Nachfolgenden sind."

Und dann das Essen; in gänzlich patriachalischer Tradition konnte meine Mutter beim Vorlesen nicht anwesend sein, weil sie zu der Zeit in der Küche tätig seien mußte.
Pute, Braunkohl, Rotkohl, Reis gekocht mit Hühnerklein. Nichts anderes seit 53 Jahren. Naja, das erste Jahr mag es Milch gewesen sein. "Ach, wenn mein Rücken auch noch Magen wäre!" Ich liebe dieses Essen und würde es an den 364 anderen Tagen des Jahres nie, niemals essen. Ich bin ein Dinosaurier. Ich bin, zu Weihnachten, am 24.12. von 17.00 Uhr bis 24.00 Uhr, ein eiserner Verfechter von Kontinuität und Tradition, Verweigerer jeder Neuerung, Bewahrer der einzigen wahren Weihnacht!

 Pirosmani Das Festmahl der fünf Prinzen


Kommentare:

  1. Kohelet: Die Sprache ist nervös. Der Gedanke beruhigend. Dann umgekehrt. Flattern und sinken und ruhen und wieder flattern.

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  2. Jasmina Natalie Mattei schrieb:
    Ich LIEBE Wihnachten! Alles ist vorprogrammiert, jeder Streit spielt sich jedes Jahr nach den exakt gleichen Muster ab.. darüber ob nun zwischen schmückenden Eltern und 4 kochenden Schwestern (darunte ich) ein Leintuch aufgespannt wird oder nicht- darüber ob doch das blöde Hausmusikkonzert was dann alle freut, gespielt wird (Blockflöte inklusive, bitte sehr, wenn schon dann schon!!!)-darüber ob die Weihnachtsgeschichte von meiner Mutter vorgelesen wird oder nicht und wann (jeder freut sich eigentlich aber die Miene mit dem grösst im Gesicht geschriebenen Vorwurf bekommt von allen die wärmste Sympathie- darüber ob vor dem Essen gesungen werden muss (in etwa wie oben) und vor allem ob man nun dieses eine Jahr doch in die Mitternachtsmette soll wo es doch herrlich falsch singende alte Omas zum anstaunen und danach Panettone und Spumante umsonst draussen in der klirrenden Kälte gibt :-))). Im übrigen werden die Stunden danach nachts genutzt um alle Geschenke einzupacken da die Bescherung bei uns am 25. morgen ist und das ganze Haus wird von uns allen bis auf meine schlafende Tochter, von Geschenkpapierrascheln erschüttert werden. Programm ist es auch kein Klebeband zu haben und keine Schere und diese bei der einzig durchorganisierten Schwester zu erbetteln, die sauer hergibt obwohl sie uns immer nach jeder Weihnachten garade desswegen Klebeband schenkt. Und das zu-lange-sich-schön machen gehört dazu (Rekord hält meine durchorganisierte(?!) Schwester die vor ein paar Jahren knapp vor dem grossen Essen anfing sich die Haare zu färben :-)) und am nächsten Tag ein Berg Geschenke obwohl alle in den Wochen davor versichern, dass sie absolut keine Ahnung haben was sie allen schenken sollen. Irgenjemand schlägt jedes Jahr vor die Geschenke wegzulassen. Es wird von den gerade Andersgereihten empört und sehr laut als etwas geschmackloser Witz abgetan. Hach.. ich freu mich und bau inzwischen für mein Töchterchen die schönste Puppenstube der Welt.. Auspacken und beim Auspacken zugucken.. oh ja!!

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  3. Burkhard Ritter
    In den meisten Punkten übereinstimmung. nur streit ist immer hinterher.

    Johanna Schall
    bitte streit!!!!

    Burkhard Ritter
    der ist doch bei solchen festen vorprogrammiert aber der Zeitpunkt nicht.

    Pascal von Wroblewsky
    und wieder pirosmani! mein vater behauptet, dass seine mutter ein wahrer feind der weihnacht war und regelmäßig schallplatten mit pekingopern abspielte.

    Johanna Schall
    o gott. hart ist die welt.

    Pascal von Wroblewsky
    ja, sie haben sich alle mühe gegeben, die unform zu wahren.

    Johanna Schall
    Ich weiss auch nicht, woher meine innige weihnachtsliebe stammt. Aber ich bin ihr verfallen.

    Burkhard Ritter
    und ich hab noch nicht mal Geschenke.

    Pascal von Wroblewsky
    ist ja auch noch nicht weihnachten, du musst noch warten, dann bekommst du welche!

    Johanna Schall
    nur, wenn man die menschen wirklich mag und auch wirklich weiß, worüber sie sich freuen würden.

    Johanna Schall
    Ich liebe Geschenke. Die, die ich bekomme und die, die ich verschenke.

    Pascal von Wroblewsky
    mein schönstes geschenk ist und bleibt, dass die liebsten menschen da sind

    Johanna Schall
    ja. aber ein geschenktes geschenk ist auch schön, oder?

    Burkhard Ritter
    ich weiß nicht warum. es ist meist auf dem letzten "drücker" und wird stress

    Burkhard Ritter
    der einkauf

    Johanna Schall
    Ach Quatsch. Denken, planen, suchen.

    Pascal von Wroblewsky
    ich verschenk am liebsten, was sich andere wünschen, ich mach da keen ratespiel mehr draus.

    Johanna Schall
    Genau!

    Armin Gröpler
    Wenn mans genau weeß, is ja juht; abber wenn nich....Dann muss man sich was einfallen lassen; und dass macht mir eijentlüsch den Hauptschbass. Also, wennse wat erwischen tun, wat se eijentlich jarnich jebrauchen können.

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