Mittwoch, 16. November 2011

Theater hat auch eine Märchen-Beleuchtungsprobe


Die Beleuchtungsprobe: Man trifft sich um 8 oder 9.00 Uhr früh, die Bühne ist, in diesem Fall, spartanisch weiß-schwarz und unfertig, die Kostüme werden wild und bunt sein, sind aber heute noch nicht da. Man kennt sich nicht, eine kurze Vorbesprechung eine Woche zuvor, und jetzt geht es schon zur Sache. Die Spieler haben einen Tag frei, anstelle ihrer, zwei freundliche und stumme Lichtdouble.

Früher tat man "es" nur im Dunkeln, heute und hier geht es um Schatten und Abstufungen von hell und dunkel, darum, dass die Szenen im rechten Licht stehen. 

Das Licht ist eine launische Diva, wenn Beleuchtende und Beabsichtigtes nicht zusammenkommen, wird das Falsche gesehen werden, Lustiges als Trauriges erscheinen, Trauriges als lustig und alle Mühe umsonst. 

Und dann auch noch "Märchenlicht", wo alles erlaubt ist, aber das meiste nicht funktioniert, weil Kinder, diese unerbittlich geradlinigen Zuschauer, jeden Spaß akzeptieren, aber abrupt das Interesse verlieren, wenn sie nicht ernst genommen werden.

Der Chefbeleuchter ist gekommen, um kurz mal reinzuschauen, 8 Stunden später ist er immer noch da. Wir spielen mit Farben, mit Pink und Cyan und Türkis, mit Kontrasten und den technischen Beschränkungen einer Märchenproduktion. 70 Minuten Spieldauer, maximal eine Stunde für Aufbau und Einleuchten vor der Vorstellung, davon oft zwei pro Tag, und erst abends folgt dann die richtige Kunst, die Oper.

In der Tat, keine andere Produktion dieses Jahres wird mehr Zuschauer haben, in diesem Fall circa 32 000, aber auch kein anderes Stück wird so unterbudgetiert und knapp geplant sein, weil es ja nur für Kinder ist. Hochmut oder Nachlässigkeit? Ausverkauft sind wir sowieso, warum dann noch investieren?

Ich habe Glück, zwei Fachmänner erfinden und zaubern, dass das Schwarz-Weiss zum Leben erwacht, sich verwandelt, und beginnt seine eigene Geschichte zu erzählen. Wunderbar! Ein Geschenk.




Beleuchter/innen bedienen und warten die lichttechnischen Einrichtungen eines Theaters oder sind für die ordnungsgemäße Montage, Einrichtung und Bedienung von licht- und veranstaltungstechnischen Anlagen in Produktionsstudios zuständig. Sie kümmern sich beispielsweise um die Bühnenbeleuchtung bei Rock- oder Popkonzerten oder helfen mit, Messestände ins richtige Licht zu setzen. Beleuchter/innen arbeiten in erster Linie in Theatern, Opern- und Schauspielhäusern, bei Konzert- und Kongressveranstaltern sowie bei Film- und Fernsehproduktionsgesellschaften. Sie sind aber z.B. auch bei Agenturen für Sportveranstaltungen beschäftigt. Darüber hinaus können sie in Ingenieurbüros für technische Fachplanung im theatertechnischen Bereich tätig sein.

Kommentare:

  1. das habe ich jetzt dreimal mit Genuss gelesen, es geht ja um solche lichtblicke in unseren Beruf. Deine, und deine beschreibung dessen, hat mir eine Freude beschaffen.

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  2. Leuchten ist toll... für Schauspieler. ;)
    Es bedeutet einen garantiert freien Tag zu haben in Nähe der Endproben. Einen Tag, an dem man nochmal die Waschmaschine anschmeißen kann, den Kühlschrank füllen, Verabredungen treffen, ausgedehnt Sport machen oder anderen Krimskrams verläßlich erledigen kann.
    Für die "andere Seite" bedeutet es wohl eher einen Tag ohne Tageslicht, mit ungesunder Ernährung, Stress, Frickellei und Kampf um Bilder.

    Leuchten bringt aber auch einiges an's Tageslicht. Bei der nächsten Probe betritt der Schauspieler entweder eine gewandelte Bühne (so ein bißchen als hätte man am Weihnachtsbaum die Lichter angeschaltet und genießt, dass der nun endlich so aussieht wie er gedacht war)... oder man denkt: "Sch..., das kannste also auch nicht.".
    Am Licht scheidet sich die Spreu vom Weizen. Die verbauteste, unansehnlichste, mißratenste Bühnenbildidee kann plötzlich zu strahlendem Leben erwachen, wechselnde Gesichter zeigen, in Bewegung geraten... zaubern.
    Umgekehrt kann die großartigste Bühne auf einmal Lichtstolperfallen der Sonderklasse bereithalten. "Da kannste nicht mehr stehen, da sieht dich keiner!" "Hm, aber wenn ich da 'rüber gehe, dann sieht mich der Kollege, der eigentlich nicht wissen darf, dass ich da bin." "Dann spielt der, dass er dich nicht sieht, Theater ist Verabredung!" Der Kollege geht ins Licht und denkt in sich hinein: 'Theater ist Verabredung, aber die Verabredung war doch nicht, dass der Kerl blind ist!'.
    Manchmal wird die Psychologie einer Szene vom Licht gefressen.
    Es kann also am falschen Platz sein... es kann aber auch fehlen.
    "Wieso ist das da hinten im Umlauf plötzlich so laut, das war doch noch nie so laut da in der Szene!".
    Kunststück, da tasten sich Kollegen zu ihren Auftritten wie Flipperkugeln... doing, doing, doing.
    Ja, Licht ist schwierig... aber es ist auch magisch. Atemberaubend.
    In meinem ersten Jahr hatte ich eine Winzlingsrolle in Weill's "Silbersee". Das Stück wurde auf der Bühne gespielt, die Zuschauer Richtung Hinterbühne, die Darsteller zwischen ihnen und dem gigantisch großen Zuschauerraum in dessen Mitte ein breiter Steg wie ein spitz zulaufender Weg in die Ferne gebaut worden war über den ein eisblau schimmerndes riesiges Seidentuch gebreitet lag.
    Die Mittel der Inszenierung waren spartanisch gewählt, Möbel bildeten Räume, das Licht grenzte sie ab, verband sie mit dem Chor zu beiden Seiten, schnitt sie wieder ab, lenkte die Aufmerksamkeit um in neue Szenen, das Licht arbeitete schon den ganzen Abend mit.
    Ich hatte die Erlaubnis nach meinem Auftritt zu gehen. Aber meistens blieb ich, schminkte mich ab, zog mich um und setzte mich nach der Pause auf einen leeren Platz.
    Und das alles für den Moment in dem Serverin und Olim sich im Silbersee ertränken wollen. Der See friert zu. Und das tat er. Das Licht floß von der Bühne und legte sich zum allerersten Mal an dem Abend weich auf den eisblauen Stoff, der wechselhaft funkelnd dieses Licht reflektierte und wie Eis verstrahlte. Die beiden betreten den Steg, staunend, schweben auf diesem leuchtenden blauen Stoff über dem Zuschauerraum, gehen langsam nach hinten weiter zu den letzten Reihen. Plötzlich gleißt das Licht auf, wird zum einzigen Licht im ganzen Theater, fast als würde es alles Licht von woanders aufsaugen und in diesem einzigen Lichtweg aus blendender kühl weißlich blauer Helligkeit bündeln, strahlt, steht einen Augenblick völlig surreal mitten im Theater - und ist weg. Schwärze. Stille. Aus. Und vor dem eigenen Auge, im eigenen Inneren glimmt dieser Weg noch nach. Sekundenlang.

    Es hat immer gedauert, bis der Schlußapplaus begann.
    Ja, Licht kann magisch sein.

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