Sonntag, 13. November 2011

Iwan Goll und Claire Goll


IWAN GOLL (geb. Isaac Lang) 
Geboren in Saint-Die am 29. März 1891,
gestorben in Paris am 27. Februar 1950,
von 1919 bis zu seinem Tod verheiratet mit CLAIRE GOLL.

Durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als   Deutscher bezeichnet."

 Handabdrücke des Dichterpaars Yvan (links) und Claire Goll, genommen 1947

CLAIRE GOLL (geb. Clara Aischmann)
Geboren in Nürnberg am 29. Oktober 1890,
gestorben in Paris am 30. Mai 1977.

„Frauen können von vielem träumen, wovon Männer sich nichts träumen lassen.“


Hedwig Warmbier, Blumenfrau auf dem Potsdamer Platz

Wie schwer wird deinem Arm das Glück Italiens
Und die Last der Gärten!
Viel Taunächte und Rosenabende,
Gitarren, Hundegebell, Windschmeichelei,
Wie schwer das ganze Glück des Frühlings!

Aber laß dich vom Gebrüll umtaumeln,
Pferde zerwiehern dein Gebet,
Autobusse flattern
Über dich hin. -  -

Höher halte die Anemonenflamme!
Höher deine Asphodelen!
(Zwei Knaben stehlen
Dir ein Krokusbund)
Höher wie eine Heilige
Hebe die Blumen in die graue Stadt.

Iwan Goll, 1919


Ode an den Herbst
Zweite Fassung

Warum zerreißen die Ulmen
Schon ihr Gewand
Und schlagen um sich mit den Armen
In irrer Besorgnis?
Des Sommers goldene Ruhe
Hat sie verlassen.
Verloren sind die Schlüssel
Die Schlüsselblumen des Glücks
Im grauen Grase,
Und schon vergessen
Verklingen im Abgrund
Die Schwüre der Liebe.

Der große König
Der seltsam Wissende
Herrscher des Waldes
Er gibt den Kampf auf
Gegen die Wolken,
Er läßt sein rostiges
Szepter fallen,
Der Apfel der Weisheit
Und alle Kronjuwelen
Verfaulen.

Im brüchig rasselnden
Geißblattgeranke
Klopfet die Angst des Iltis
Und über dem Teiche
Zerbricht die Libelle
Wie tönendes Glas.

Nur die Zentauren
Im roten Barte
Sie rennen erfreut
Mit funkelnden Hufen
Die Hügel ab,
Und ihre Spuren
Verglimmen im Moose.

Es lösen die Blätter
Sich ab von den Stämmen
Wie wehe, wie wehende Hände;
Sie schichten unten
Ein kupfernes Grab
Den sterbenden Vögeln.

In den Ruinen
Der Vogelburg wohnt noch
Die nächtliche Eule
Mit großen Augen
Das Schicksal beleuchtend.

Iwan Goll

Ich lebe nicht, ich liebe

Aus allen Poren strömt mir die Liebe.
Meine Muskeln sind gespeist von Deiner Liebe.
Ich habe nur rote Blutkörperchen vor lauter Liebe.
Mein Haar ist gelockt von der Liebe.
In allen Zungen singe ich, daß ich dich liebe.
Tanzen muß ich immer aus Liebe
Bin ich krank vor Liebe?
Oder gesund aus Liebe?
Ich lebe nicht, ich liebe.
Ich kann nicht sterben, weil ich dich liebe.
 
Ivan Goll an Claire Goll

Geburtstag von Ivan Goll

Ich hab den Abendstern
Meinen Lieblingsschmuck
In einem Taxi verloren
Ich hab meinen Geliebten
Auf dem Spielplatz der Engel
Zwischen Mars und Frankreich verloren
Eine Regenzeit beginnt in meinen Augen
Die Raben tragen Trauer
Die jungen Vögel hören auf zu wachsen
Mein Liebster und der Abendstern
Waren ein - und derselbe:
Blumen streikt mit mir: hört auf zu lächeln!

Claire Goll an Iwan Goll

 

Liebe

Ich liebe die Stille zwischen uns
Dieselbe Stille wie zwischen Blumen.
Das leise Schweigen am Morgen,
Das lautere des Abends
Und das zitternde zu Mitternacht
Das um den Andern fürchtet.

Ich mag nicht, dass Menschen kommen
Und uns unsere Stille stehlen,
Die gross ist wie die Stille der Kathedralen.
Ach, wie sie es zerbrechen
Unser blaues Schweigen aus venetianischem Glas.
Ich könnte weinen, wenn Fremde kommen.
Nur die Vögel draussen verstehen uns
Und singen unsre Stille
Und machen uns noch stummer vor der Ewigkeit.
Stille, süsser Vorschuss auf den Tod,
Sag dem Geliebten wie ich ihn liebe.

Claire Goll 

Du bist zart

Du bist zart
Wie die Fingerabdrücke
Der Vögel im Schnee.

Du bist traurig
Wie die Pinie am Berg
Mit dem zerzausten Haar.

Du bist süss
Wie die Datteln
Biblischer Palmbäume.

Und ich betrüge dich,
Gerade weil du so sanft bist
Und so vollendet traurig.
Claire Goll

Kommentare:

  1. Unsrer Sehnsucht lange Karawane
    Findet nie die Oase der Schatten und Nymphen!
    Liebe versengt uns, Vögel des Schmerzes
    Fressen immerzu unser Herz aus.
    Ach wir wissen von kühlen Wassern und Winden:
    Überall könnte Elysium sein!
    Aber wir wandern, wir wandern immer in Sehnsucht!
    Igendwo springt ein Mensch aus dem Fenster,
    Einen Stern zu haschen, und stirbt dafür,
    Irgendeiner sucht im Panoptikum
    Seinen wächsernen Traum und liebt ihn -
    Aber ein Feuerland brennt uns allen im lechzenden Herzen,
    Ach, und flössen Nil und Niagara
    Über uns hin,wir schrien nur durstiger auf!

    Iwan Goll, Karawane der Sehnsucht

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  2. Sehr schön!

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