Donnerstag, 3. November 2011

Die Weber - Jo Fabian und Gerhard Hauptmann in Halle

Die Weber, hochmitleidiges Elendsaufbäumdrama, geschrieben in den achtziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts, irritiert unsere nachrichten- und spendenaufrufgestählten Nerven mit der Schamlosigkeit seiner Parteinahme. Der übliche ironisierende postdramatische, posthistorische Blick trübt sich und beginnt nach Auswegen zu schielen.
Jo Fabian aber verweigert sich jedem Ausweg, und steigert stattdessen das Leidensmotiv bis ins Unerträgliche und manchmal in die Langeweile des zu gut Begreifens. Anstatt ins Wohlstandselend der realen Bundesrepublik, siedelt er die Ästhetik zwischen Metropolis (Bühne) und alttestamentarischen Märtyrerbildern (Kostüme), die Bilder sind grob, einige großartig, der Sound minimalistischer Repetitionen liegt, für meine Ohren zu durchgängig, unter den "Szenen".
Zu Beginn wird der schleselnde Dialekt wie eine mühselige Fremdsprache behandelt, das ist toll, wird aber leider nicht durchgehalten und da rutscht dann die eine oder andere, der knappen Sprechszenen doch ins naturalistische Klagen. Schade!
Spannend, und ich meine es völlig unironisch, wenn ich sage, dass auch die Tatsache, dass ich zweimal kurz weggenickt bin, zur Qualität des Abends gehört. Eine Meditation über Leid-Bilder.

Emil Orlik - Die Weber Theaterplakat (1897)





Kommentare:

  1. Dass Erschöpfung mich t r o t z Interesses beim Lesen oder in Vorstellungen mal wegnicken lässt, kenne ich. Aber w e g e n ? Inwiefern ist das ein Kriterium von künstlerischer Qualität?

    AntwortenLöschen
  2. Vielleicht, indem er die Intensität so führt, dass der Körper, oder zumindestens meiner, Spannung und Entspannung mitmacht, direkt reagiert wie auf die Stimme der Mutter. Bin nicht sicher, aber diesen Eindruck hatte ich.

    AntwortenLöschen
  3. Das klingt vertraut, wie Musik hören.

    AntwortenLöschen
  4. Sorry, aber ich kann diese kleine Kritik nicht ernst nehmen. Was kann die Inszenierung, was die Regie, die Schauspieler dafür, dass Sie nicht ausgeschlafen sind?

    Haben Sie nicht "Münchhausen" in Rostock inszeniert? Das fand ich langweilig und einschläfernd. Sorry...

    AntwortenLöschen
  5. Sie müssen weder die Kritik ernst nehmen, noch muß Ihnen Münchhausen gefallen, aber genau lesen wäre gut. Das Einnicken war nicht die Folge von Übermüdung, nicht mal von Ermüdung, sondern, für mich, nur für mich, so etwas wie Trance.

    AntwortenLöschen
  6. Und "sorry" brauchen Sie doch nicht zu schreiben, wenn Sie gar nicht "Sorry" sind? Aber wenigstens sind wir beide scheinbar einig, dass "Die Weber" ein erstaunlicher Theaterabend war, oder?

    AntwortenLöschen
  7. Also die Kritik ganz oben muss etwas geändert/abgeschwächt worden sein?! Sollte dieser schon so gestehen haben, hätte ich es so nicht geschrieben! Oder ich war auch in Trance- von all dem weiß auf schwarz auf der Homepage :-)

    AntwortenLöschen
  8. Bin auch in Trance verfallen. Kann ich also verstehen. Bei mir immer so, wenn ich halboffenen Mundes die Zeit nicht mehr real erlebe. "Die Weber" sind n Meisterwerk des Theaters. Sollte verboten werden. Passt gar nicht in unsere Unterhaltungsgesellschaft. Macht brutal sichtbar, mit wie wenig sich andere Regisseure teilweise begnügen und es auch Kunst nennen.

    AntwortenLöschen