Samstag, 30. Juli 2011

Und Jesus gingen die Augen über - Lazarus

Ich liebe Bibelgeschichten und die vielen Auslegungen, Gemälde, Anekdoten, scholastischen Interpretationen, die sie hervorbringen. Heute, einen Tag zu spät, die Geschichte des Lazarus von Bethanien, von dem, den Jesus von den Toten erweckt hat. Der 29. Juli ist für Katholiken, Protestanten und Anglikaner der Tag des Lazarus von Bethanien - Lazarus hebräisch:  Elʿāzār

אֶלְעָזָר

„Gott hat geholfen“

Die Auferweckung des Lazarus von Bethanien

Zuerst aus dem Johannes- Evangelium 11:

Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien, in dem Flecken Marias und ihrer Schwester Martha. (Maria aber war, die den HERRN gesalbt hat mit Salbe und seine Füße getrocknet mit ihrem Haar.) Da sandten seine Schwestern zu ihm und ließen ihm sagen: HERR, siehe, den du liebhast, der liegt krank. Da Jesus das hörte, sprach er: Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch geehrt werde. Jesus aber hatte Martha lieb und ihre Schwester und Lazarus.
Als er nun hörte, dass er krank war, blieb er zwei Tage an dem Ort, da er war. Darnach spricht er zu seinen Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa ziehen! Seine Jünger sprachen zu ihm: Meister, jenes Mal wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dahin ziehen? Jesus antwortete: Sind nicht des Tages zwölf Stunden? Wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht; denn er sieht das Licht dieser Welt. Wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.
Solches sagte er, und darnach spricht er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, dass ich ihn auferwecke. Da sprachen seine Jünger: HERR, schläft er, so wird's besser mit ihm. Jesus aber sagte von seinem Tode; sie meinten aber, er redete vom leiblichen Schlaf. Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht dagewesen bin, auf dass ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm ziehen! Da sprach Thomas, der genannt ist Zwilling, zu den Jüngern: Lasst uns mitziehen, dass wir mit ihm sterben!
Da kam Jesus und fand ihn, dass er schon vier Tage im Grabe gelegen hatte. Bethanien aber war nahe bei Jerusalem, bei fünfzehn Feld Weges; und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.  Da sprach Martha zu Jesus: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber ich weiß auch noch, dass, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: HERR, ja, ich glaube, dass du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.
Und da sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach: Der Meister ist da und ruft dich. Dieselbe, als sie das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm. (Denn Jesus war noch nicht in den Flecken gekommen, sondern war noch an dem Ort, da ihm Martha war entgegengekommen.) Die Juden, die bei ihr im Haus waren und sie trösteten, da sie sahen Maria, dass sie eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr nach und sprachen: Sie geht hin zum Grabe, dass sie daselbst weine.
Diego Velázquez Jesus im Haus von Martha und Maria
Als nun Maria kam, da Jesus war, und sah ihn, fiel sie zu seinen Füßen und sprach zu ihm: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!  Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: HERR, komm und sieh es!  Und Jesus gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so liebgehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der den Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, dass auch dieser nicht stürbe? Da ergrimmte Jesus abermals in sich selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft, und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebt den Stein ab! Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: HERR, er stinkt schon; denn er ist vier Tage gelegen. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du würdest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Doch ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich's, dass sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit dem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und lasset ihn gehen! Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Und dann, das sehr umstrittene Geheime Markusevangelium, wo sich, wenn man "naiv" liest, die Angelegenheit doch etwas anders darstellt. 

Es ist nur in zwei Fragmenten überliefert.
Beide finden sich in einem Clemens von Alexandria (etwa 150-215) zugeschriebenen Brief, der sich an einen unbekannten Theodoros richtet.

„Und sie kamen nach Bethanien, und eine gewisse Frau, deren Bruder gestorben war, war dort. Und herzu kommend, warf sie sich vor Jesus nieder und sagte zu ihm: 'Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir.' Aber die Jünger wiesen sie zurück. Und Jesus, der in Wut geriet, ging mit ihr in den Garten, wo das Grab war, und sogleich wurde ein lauter Schrei aus dem Grab gehört. Und näher tretend, rollte Jesus den Stein vom Eingang des Grabes weg. Und sogleich ging er hinein, wo der Jüngling war, streckte seine Hand aus und zog ihn hoch, indem er dessen Hand ergriff. Aber der Jüngling, als er ihn ansah, liebte ihn und fing an, ihn anzuflehen, daß er bei ihm sein möge. Und sie gingen aus dem Grab heraus und kamen in das Haus des Jünglings, denn er war reich. Und nach sechs Tagen sagte ihm Jesus, was er tun solle, und am Abend kommt der Jüngling zu ihm, ein leinenes Tuch über [seinem] nackten [Körper] tragend. Und er blieb diese Nacht bei ihm, denn Jesus lehrte ihn das Geheimnis des Reiches Gottes. Und von da erhob er sich und ging auf die andere Seite des Jordans zurück.“
Michelangelo Merisi da Carravaggio 1609
Clemens von Alexandria schreibt als Kommentar dazu:

Nach diesen [Worten] folgt der Text "Und Jakobus und Johannes kommen zu ihm" und dieser ganze Abschnitt. Aber "nacker [Mann] mit nacktem [Mann]" und die anderen Dinge, über die du schriebst, werden nicht gefunden.

Und nach den [Wörtern] "Und er kommt nach Jericho" fügt das Geheime Evangelium nur hinzu [in Mk 10,46:]

"Und die Schwester des Jünglings, den Jesus liebte, und seine Mutter und Salome waren dort, und Jesus empfing sie nicht".

Aber die vielen anderen [Dinge, über] die du schriebst, scheinen falsch zu sein und sind Fälschungen.

Nun, die wahre Erklärung und das, was mit der wahren Weisheit übereinstimmt...

[Hier bricht der Text mitten auf der Seite ab.]

und Clemens schreibt auch:
Da aber die unreinen Geister immer auf die Zerstörung der Rasse der Menschen sinnen, machte sich Karpokrates, von ihnen unterrichtet und hinterlistige magische Künste gebrauchend, einen gewissen Presbyter der Kirche in Alexandria so gefügig, daß er von ihm eine Abschrift des Geheimen Evangeliums bekam, das er seiner blasphemischen und fleischlichen Doktrin entsprechend auslegte und es darüber hinaus beschmutzte, indem er den makellosen und heiligen Worten äußerst schamlose Lügen beimengte.

Juan de Flandes - Die Auferweckung des Lazarus 1500-1515
Vincent van Gogh Die Erweckung des Lazarus 1890

William Blake The House of Lazarus 1795



Am orthodoxen St. Lazarustag, das ist der Palmsonntag,  wird gebacken, hier das Rezept:

Kommentare:

  1. Führt da das geheime Markusevangelium das gängige...
    3 Mose 18:22
    Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: ein Gräuel ist es.

    3 Mose 20:13
    Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide ein Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.

    ...irgendwie ad absurdum???
    Manchmal hätte ich denn doch gerne eine Zeitmaschine. Man stelle sich vor: aufgrund der konsequenten kontrollierten Ausnutzung temporärer Verzerrungen reisen wir zurück, stöbern Jesus auf, finden ihn im Kreise wunderbarer Schwuler gerade damit beschäftigt eine Weltreligion zu formieren, führen ein nettes Gespräch, Jesus schockiert, so war das alles nicht geplant. Jesus schreibt selbst sein Religionsverständnis nieder, keine Auslegung mehr, keine verschiedenen Evangelien, nur eines, ein einzig gültiges. Darin enthalten Weltoffenheit, Toleranz, die Wertschätzung geistiger und körperlicher Liebe wo immer sie einverständlich praktiziert wird und noch einiges mehr an freundlichen Wünschenswertigkeiten - unmißverständlich.
    Das eine Werk wird verbreitet, setzt sich durch... in was für eine Welt würden wir zurückkehren?
    Ich weiß, Zeitlinien dürfen nicht verändert werden - dafür würde ich's riskieren.

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  2. William Blake. So sehr neben seiner Zeit und ihr voraus. Mehr als hundert Jahre vor Jugendstil, Symbolismus, Surrealismus. Ich mag seine Bilder überhaupt nicht. Finde sie illustrativ, anekdotisch, und die gehäuteten Körperformen so lieblos. Alles schaltet auf Abwehr, obwohl ich den Mut dieses Künstler-Visionärs bewundere.

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