Dienstag, 21. Juni 2011

Grimms Märchen - Blutwurst und Leberwurst

Die wunderliche Gasterei

Auf eine Zeit lebte eine Blutwurst und eine Leberwurst in Freundschaft, und die Blutwurst bat die Leberwurst zu Gast. Wie es Essenszeit war, ging die Leberwurst auch ganz vergnügt zu der Blutwurst, als sie aber in die Haustüre trat, sah sie allerlei wunderliche Dinge, auf jeder Stiege der Treppe, deren viele waren, immer etwas anderes, da war etwa ein Besen und eine Schippe, die sich miteinander schlugen, dann ein Affe mit einer großen Wunde am Kopf und dergleichen mehr.
Die Leberwurst war ganz erschrocken und bestürzt darüber, doch nahm sie sich ein Herz, trat in die Stube und wurde von der Blutwurst freundschaftlich empfangen. Die Leberwurst hub an, sich nach den seltsamen Dingen zu erkundigen, die draußen auf der Treppe wären, die Blutwurst tat aber, als hörte sie es nicht, oder als sei es nicht der Mühe wert davon zu sprechen, aber sie sagte etwa von der Schippe und dem Besen: "Es wird meine Magd gewesen sein, die auf der Treppe mit jemand geschwätzt hat", und brachte die Rede auf etwas anderes.
Die Blutwurst ging darauf hinaus und sagte, sie müsse in der Küche nach dem Essen sehen, ob alles ordentlich angerichtet werde, und nichts in die Asche geworfen. Wie die Leberwurst derweil in der Stube auf- und abging und immer die wunderlichen Dinge im Kopf hatte, kam jemand, ich weiß nicht, wer's gewesen ist, herein und sagte: "Ich warne dich, Leberwurst, du bist in einer Blut- und Mörderhöhle, mach dich eilig fort, wenn dir dein Leben lieb ist." Die Leberwurst besann sich nicht lang, schlich zur Tür hinaus und lief, was sie konnte; sie stand auch nicht eher still, bis sie aus dem Haus mitten auf der Straße war. Da blickte sie sich um, und sah die Blutwurst oben im Bodenloch stehen mit einem langen, langen Messer, das blinkte, als wär's frisch gewetzt, und damit drohte sie, und rief herab: "Hätt' ich dich, so wollt ich dich!"

Kommentare:

  1. Gegenwärtige Kinderfilme sind auch oft ganz schön brutal: Disneys Zeichentrickfilme, "Kevin allein zu Haus"....

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  2. Eine Minute für Ilse Galfert. Ich kann sie nicht mehr fragen, warum das zu ihren Lieblingsmärchen gehörte.
    Seltsam, was von Menschen machmal auch noch bleibt. Ihre Stimme. Ihre Handtasche. Ihre Haarklemme. Dieses Märchen.
    (Ilse Galfert war die sehr besondere Dramaturgin am DT, über die Johanna im März schrieb.)

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  3. Ja, ja. Eine Minute, oder auch zwei.

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