Freitag, 24. Dezember 2010

In The Bleak Midwinter - Mitten im bleichen Winter


Christina Rossetti 1830 in London geboren, 1894 ebendort gestorben. 
Ihr Bruder, Dante Gabriel Rossetti, war der führende Kopf der präraphaelitischen Bruderschaft, einer Gemeinschaft von Künstlern, der auch William Holman Hunt und John Everett Millais angehörten.

Tiefgläubig, blieb sie, trotz zweier intensiver platonischer Liebesbeziehungen, unverheiratet, den einen Geliebten verließ sie, als er zum Katholizismus übertrat, die Verlobung mit dem zweiten löste sie aus 'religiösen Gründen'. Sie kränkelte nahezu ihr ganzes Leben lang und starb dann, nach langer schrecklicher Leidenszeit, an Krebs. Ihr Bruder nutzte sie als Modell, unter anderem für die Jungfrau Maria.



Mitten im bleichen Winter


In the bleak midwinter, frosty wind made moan,
Earth stood hard as iron, water like a stone;
Snow had fallen, snow on snow, snow on snow,
In the bleak midwinter, long ago.

Mitten im bleichen Winter, kalter Wind wie Schrei'n, 
Erde hart wie Eisen, Wasser wie ein Stein.
Schnee auf Schnee und Schnee auf Schnee, es hat sehr geschneit,
Mitten im bleichen Winter, vor sehr langer Zeit.


Our God, Heaven cannot hold Him, nor earth sustain;
Heaven and earth shall flee away when He comes to reign.
In the bleak midwinter a stable place sufficed
The Lord God Almighty, Jesus Christ.

Unser Gott, die Erd' kann ihn nicht halten, der Himmel nicht nähren Ihn, 
Der Himmel und die Erde werden, wenn Er dann herrscht, entfliehn.
Doch mitten im bleichen Winter ein Stall ausreichend ist, 
Für unseren allmächtigen Herren, Jesus Christ.

Enough for Him, whom cherubim, worship night and day,
Breastful of milk, and a mangerful of hay;
Enough for Him, whom angels fall before,
The ox and ass and camel which adore.

Genug für ihn, dem Cherubim huldigen, bei Tag und Nacht, 
Eine Brust voll Milch und ein Lager von Heu gemacht.
Genug Für Ihn, vor dem selbst Engel niederknien,
Ochs' und Esel und Kamel, denn die lieben ihn.

Angels and archangels may have gathered there,
Cherubim and seraphim thronged the air;
But His mother only, in her maiden bliss,
Worshipped the beloved with a kiss.

Engel und Erzengel sind vielleicht dorthin gezogen, 
Cherubim und Seraphim haben ihn dicht an dicht umflogen;
Doch nur seine Mutter, jungfräulich und rein, 
Huldigte dem Geliebten mit einem Kuss allein. 

What can I give Him, poor as I am?
If I were a shepherd, I would bring a lamb;
If I were a Wise Man, I would do my part;
Yet what I can I give Him: give my heart.

Was kann ich Ihm geben, ich armer Mann?
Wäre ich ein Hirte, brächt' ich Ihm ein Lamm.
Wäre ich ein weiser Mann, würde ich ihn begrüßen.
Doch was kann ich geben: mein Herz zu seinen Füßen.  


Christina Rossetti

Die Übersetzung ist ein erster Versuch, keineswegs ausreichend. Es gibt auch eine wunderbare Vertonung von Gustav Holst!

http://www.youtube.com/watch?v=xRobryliBLQ 

Kommentare:

  1. Ich bin leider kein gläubiger Mensch und doch berühren mich solche Zeilen oft besonders. Die tiefe Demut darin überwältigt mich und trifft mich mitten ins Herz. Seine Kraft durchströmt mich und ich habe das Gefühl, ich verstünde die Welt. Mein Herz wird groß und ich verzeihe meinen ärgsten Feinden. Leider sind diese Momente kurz und verflüchtigen sich schnell in den Straßen der Stadt. Nun weiß ich wieder, wie klein ich bin und hoffe auf eine weitere Inspiration für mein Dasein, die mich aufrecht gehen und mich errinnern lässt, dass es sowas wie Ideale und Werte gibt, für die es sich lohnt, die Straße zu betreten.

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  2. Ich kenne dies Gefühl gut. Manchmal wünschte ich mir einen einfachen festen Glauben mit klaren Regeln und wärmenden Hoffnungen, aber dann denke ich mir, dass wir, die immer selber denken müssen und stetig unsicher bleiben doch mehr vom Leben haben. Sicher viele Tiefs, aber die Höhen sind unsere, ganz und gar. Oder?

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  3. Ja, da hast du wahrscheinlich recht... Die Tiefen bringen uns vielleicht wieder auf die Bühne, zum Pinsel, zum Stift o. a. und wir schaffen bzw. tragen zu einem Kunstwerk bei, das uns die Erfüllung bringen kann, die wir suchen... auch wenn diese meist von kurzer Dauer ist...

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  4. Der Bruder, Dante Gabriel Rosetti, Sprößling Napolitanischer Einwanderer, hat mich schon immer fasziniert. Genauer gesagt seit etwa zwei Jahrzehnten, als ich ihn entdeckte. Heute würde man ihn als Drogenfreak und Rebell bezeichnen, so wie er lebte. Wie sehr im Gegensatz dazu stand sein Malstil, der an die Spätrenaissance anlehnte und seine streng gläubige Schwester, die ich erst durch Deine Veröffentlichung wahrnehme. Rosettis Monna Vanna gehört zu meinen Lieblingsbildern.

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